Stimme und Sprechapparat richtig aufwärmen

Sportler tun es. Musikerinnen und Sänger tun es. Und auch professionelle Sprecher tun es: Sie wärmen ihre Stimme und ihren Sprechapparat auf. Hier eine kleine Auswahl an alltagstauglichen Übungen. Machen Sie diese Übungen möglichst im Stehen. Suchen Sie sich ihren eigenen Mix aus!

Übrigens: Diese Übungen gibt es auch zum Hören in unserem Podcast Stimmt! Die Sprechviertelstunde. Hier der Link zur Episode: Stimmt! #028 – Schütteln, küssen, lächeln, brummen – Stimmt! Die Sprechviertelstunde. | Podcast auf Spotify

Lockern, Schütteln, Wackeln

Je später der Tag, desto verspannter die Muskeln. Stellen Sie sich hüftbreit und lockern Sie zunächst die Arme aus. Rütteln, schütteln als hätten Sie etwas an den Fingern, das Sie abschütteln möchten. Schultern dazunehmen, nach hinten kreisen. Schultern auch mal hochziehen bis zu den Ohren und fallenlassen. Dann rütteln Sie im aufrechten Stand die Wirbelsäule durch. Das wird leichter, wenn Sie den Po dazunehmen, also Popo-Wackeln und die Wirbelsäule mitwackeln lassen. Zum Schluss auch noch die Beine einzeln zur Seite ausschütteln, so dass der ganze Körper gelockert und aktiviert ist.

Nehmen Sie hierbei gern schon die Stimme mit hinein. Brummen Sie mit geschlossenem Mund auf Ihren Eigenton, also auf dem ruhigen Brummton, auf dem Sie ohne Anstrengung sehr lange brummen könnten.

Zeit: mindestens 1 Minute.

Die tiefe Bauchatmung

Sie ist das Fundament unserer Stimme. Wer überwiegend hoch und flach atmet (Brustatmung), spricht tendenziell auch höher als nötig und wirkt aufgeregt. Das kann anstrengend werden – für den Sprechenden und das Publikum.

Also: Schön in den Bauchraum atmen! Das geht gut im Stehen, wir können es aber auch im Liegen üben, zum Beispiel beim Einschlafen. Legen Sie beide Hände in die Gegend um den Bauchnabel. Bis dahin soll und darf der Atem einfließen. Bitte nicht den Atem zu stark „reinziehen“, er fließt ganz von allein. Spüren Sie unter Ihren Händen, wie sich die Bauchdecke wölbt. Dann ist es richtig.

Zeit: unbegrenzt, so oft und lange wie möglich über den Tag verteilt.

Zwerchfell-Training mit Bettdecke

Das Zwerchfell unter den beiden Rippenbögen hat einen großen Anteil daran, wie schnell wir zwischen zwei Sätzen zu Atem kommen und wie der Atem beim Sprechen aus uns herausfließt.

Legen Sie beide Hände seitlich unter den Rippenbogen. Wir arbeiten jetzt mit den Konsonanten P, T und K. Und zwar stimmlos gesprochen (nicht Pee und Tee und Kaa).  Sprechen Sie diese Konsonanten kraftvoll und einzeln. Wenn Ihr Zwerchfell gut mitmacht, spüren Sie unter Ihren Händen jeweils einen Impuls wie ein Gummi, das vor- und zurückschnellt. Wenn Ihr Zwerchfell noch nicht gut mitmacht, ist genau dies Ihre Übung für die nächsten Tage! P, T und K rhythmisch nacheinander gesprochen, klingt es ein wenig wie „Bettdecke“, oder?

Zeit: 30 Sekunden.

Die Affentrommel

Diese Übung ist morgens besonders wertvoll, denn sie löst den Schleim, der noch aus der Nacht auf unserem Stimm- und Sprechapparat liegt. Wir stehen hüftbreit. Die Hände sind zu lockeren Fäusten geballt. Mit diesen Fäusten klopfen wir locker  oberhalb der Brust auf den Bereich links und rechts vom Brustbein bis zum Schlüsselbein. Wir nehmen den Eigenton dazu. Dieses Klopfen lockert und löst die gesamte Muskulatur über den Hals bis in den Kiefer. Und sie hilft gerade hohen Stimmen, runder, weicher und voller zu klingen!

Zeit: 2 x 30 Sekunden.

Kiefer ausstreichen und massieren

Der Kiefermuskel ist unser stärkster Muskel. Sind wir verspannt, ist er es im Zweifel auch. Dann wirkt nicht nur die Mimik fest und verbissen. Auch die Stimme kann nicht so richtig „raus“, hat weniger Klangraum. Also: Ran an den Kiefermuskel! Wir gehen mit beiden Händen dahin, wo der Muskel „aufgehängt“ ist: Im hinteren Teil der Wange nahe am Ohr. Dann streichen wir entweder mehrmals mit der Handinnenfläche Richtung Kinn. Den Kiefer dabei richtig hängenlassen. Wir massieren den lockeren Kiefer!

Zeit: mindestens 30 Sekunden.

Lippenflattern

Haben Sie vor Augen, wie ein Pferd schnaubt? Da flattern Ober- und Unterlippe in ziemlich schneller Frequenz miteinander und aufeinander. Lippenflattern geht also beim Ausatmen und bei locker geschlossenem Mund. Das kann nicht jeder – und falls es Ihnen schwerfällt, lassen Sie diese Übung einfach weg. Wenn Sie gut „schnauben“ können, nehmen Sie auch noch Ton dazu. Dann klingt es ein bisschen wie ein knatternder Auto-Motor.

Küssen – Lächeln – Küssen

Wenn unser Stimm- und Sprechapparat gelockert und aufgewärmt ist, können wir uns noch um die saubere Artikulation kümmern. Diese Übung trägt dazu bei. Der Name ist hier Programm: Wir ziehen die Lippen breit wie beim Lächeln und gehen dann schnell in einen Kussmund über. Dann wieder breit lächeln, küssen, lächeln, küssen.

Zeit: 10 x im Wechsel, 20 bis 30 Sekunden

Das Korkensprechen

Der Klassiker für saubere Artikulation – geht auch ohne Korken! Ihr Daumenknochen beispielsweise ist ein guter Ersatz. Nehmen Sie Ihren Daumenknochen zwischen die Schneidezähne und sprechen Sie ganze Sätze und Textpassagen so klar und deutlich wie möglich! Es kann ein Abschnitt aus der Zeitung sein, ein Auszug aus einer E-Mail oder einfach einige Sätze aus diesem Kapitel.

Die Lippen strengen sich dabei richtig an, sie kompensieren bestmöglich die Störung durch den Knochen. Die Übung bringt nichts, wenn Sie mit den Lippen einfach nur über die Konsonanten „drüberhuschen“.

Vor allem die Konsonanten brauchen bei dieser Übung Lippenkraft. Sprechen Sie Ihre Textpassage einmal MIT Daumen, und dann denselben Text nochmal ohne Daumen. Können Sie spüren, wie leicht und klar das klingt? Je öfter Sie diese Übung machen, desto mehr etabliert sich die „saubere“ Artikulation (im Gegensatz zum Beispiel zum Nuscheln) in Ihrem Sprachfluss.

Zeit: mindestens 1 Minute.

Sie sehen: Die einzelnen Übungen sind kurz und gehen schnell. Manche sind auch lustig. Und alle entfalten ihre positive Wirkung vor allem dann, wenn sie regelmäßig gemacht werden. Regelmäßig – das heißt natürlich nicht vor jedem Telefonat oder jedem digitalen Meeting. Aber wenn es wichtig wird, wenn es um etwas geht und Sie Ihre Wirkung in der Stimme verbessern wollen, dann sollten Sie sich mit einer Auswahl Ihrer drei bis fünf Lieblingsübungen aufwärmen und vorbereiten!