Özdemir und die Abweichler

Ein Interview der leisen Töne im Heute Journal

19 Mitglieder der CDU- und der Grünen-Fraktion haben Cem Özdemir bei der Wahl zum Ministerpräsidenten am 13. Mai die Stimme verweigert. Gereicht hat es trotzdem, wenn auch mit diesem Schönheitsfehler. Klar, dass Moderatorin Marietta Slomka den frisch vereidigten Landesvater dazu fragt. Einmal, zweimal, dreimal. Das ist guter Journalismus.

Ein guter Gesprächspartner kann damit umgehen. So wie Cem Özdemir. Freundlich, zugewandt, warm, etwas verschmitzt. In keinem Fall pampig oder verärgert über die hartnäckigen Fragen.

Auf die ersten zwei Sticheleien zu den Abweichlern antwortet Özdemir sehr kurz – 10 bzw. 12 Sekunden. Eine gute Strategie, bei vielen Interviewern wäre das ausreichend, um das Thema zu wechseln.

Nicht so bei Marietta Slomka. Auf die dritte Frage zum selben Thema dreht Özedmir dann das Gespräch:

„Ich kann da nur drüber spekulieren, und das hätte keinen Zweck. Entscheidend ist, dass wir…“ – und schon dreht Özdemir das Thema zum modernen Koalitionsvertrag, zum guten Stil, in dem sich Baden-Württemberg von Berlin unterscheiden will, man wolle keine Politik „zum Abgewöhnen“ machen, sondern respektvoll miteinander umgehen. Und so weiter. Geduldig und gut gelöst.

Überhaupt ist das Interview ein Beispiel dafür, wie ein Politiker unaufgeregt auf kritische Fragen gute Botschaften platziert – ohne dass es nach weichgespültem Skript klingt. Ein paar Seitenhiebe gegen Berlin klingen bei Özdemir genauso gelassen wie der Fundus an positiven Wörtern, die er platziert: Verantwortung, Respekt, gemeinsam mit Belegschaften, einander zuhören, als Demokraten Probleme lösen.

Özdemir war schon im TV-Triell im Wahlkampf nicht laut und wenig kämpferisch. Ein Gegenmodell zu vielen anderen Lautsprecher*innen in der Politik. Ein souverän-sympathisches Interview am Ende eines langen, historischen Tages in Stuttgart.

Screenshot: ZDF Heute-Journal vom 13. Mai 2026